Liebe Langeweile,

Ich werde das bestimmt nicht nochmal schreiben, also pass gut auf und bewahr dir diesen Brief auf. Ich sag’s bestimmt nicht wieder, aber für jetzt gilt: Liebe Langeweile, ich vermisse dich ab und an.

Bild dir nichts drauf ein. Es ist sicher keine Liebe, aber ganz ohne dich ist irgendwie auch so stressig. Gefangen zwischen dem Getriebe von Alltag und Routine ist es doch eher anstrengend. Nicht so wie bei dir. Auf der Couch. Vor Netflix. Vor sehr, sehr viel Netflix. Was waren das noch für Zeiten, als ich FRIENDS in ein paar Monaten durchgeschaut habe.

Liebe Langeweile, du hast mich zu geistigem Leerlauf genötigt. Zeiten, in denen ich nichts wusste mit mir anzufangen, statt wie jetzt (theoretisch) durchgetaktet in den Tag zu starten.

Und wenn der Lärm um mich herum mal aufhört, so höre ich es doch noch eine Weile im Kopf weiterarbeiten.

Liebe Langeweile, wenn du mal wieder Langeweile hast, wäre das voll okay für mich, wenn du mal wieder vorbeikommst.

Abstraktion

Ich als Geisteswissenschaftler liebe – hier und da – die Abstraktion. Ich merke in Diskursen immer wieder, dass ich mich mit meinen Gesprächspartner*innen besser verständigen kann, wenn die dahinterliegenden Einstellungen thematisiert werden. Und dafür brauche ich einfach die Abstraktion. Abstraktion kommt vom lateinischen abstractus ‚abgezogen‘, Partizip Perfekt Passiv von abs-trahere ‚abziehen‘, ‚entfernen‘, ‚trennen‘ (Danke Wikipedia); um an die grundsätzliche Einstellung des Menschen zu kommen, gilt es also, alles Konkrete, Flüchtige und eben Temporäre abzuziehen.

Die eigene Einstellung ist fundamental für alle nachfolgenden Argumente. Wenn ich die grundsätzliche Einstellung des Menschen und damit seine grundsätzliche Sicht auf die Welt verstanden habe, fällt es mir leichter seine konkrete Argumentation einzuordnen. Damit dient sie der Erkenntnis.

Ganz schön abstrakt alles. Aber so ist das eben mit dem Dahinterblicken. Konkretes kommt dabei in erster Linie nicht rum, aber dafür lässt sich einiges Konkrete danach besser verstehen. Dabei geht es bei der Abstraktion immer darum, das Konkrete besser zu verstehen.

Wenn mir jedoch eine Person erzählen will, dass „wir“ doch stolz auf die Leistungen der deutschen Soldaten in den zwei Weltkrieg sein können, dann wird die Abstraktion zur Verschleierung des Konkreten – der massiven Verachtung gegenüber dem Leben – genutzt. Dann dient sie nicht mehr der Erkenntnis, sondern einzig dem eigenen Nutzen innerhalb des Diskurses. Aber auch das kann ja eine Erkenntnis über den Menschen sein.

Unterbrich mich

Wenn ich jetzt schon weiß, was nachher kommt und der nächste Schritt dem ersten folgt.

Unterbrich mich.

Wenn ich dir heute sagen kann, was morgen passiert, welches Wetter wird und wohin ich geh.

Unterbrich mich.

Unterbrich mich. Halte mich an. Zieh mich aus dem Kreis. Gib mir für einen kleinen Moment das Gefühl, nicht weiter zu müssen. Stehen bleiben zu können.

Unterbrich mich. In meinen Gedanken. Wenn der eine dem nächsten folgt und sie sich immer weiter aufbauschen.

Unterbrich mich.

Und danach lass mich wieder frei.

Meine Helden sterben nie

Ein kleiner Satz – von meiner Schwester an mich gesendet – leuchtet auf dem Handydisplay: „Oma ist eingeschlafen.“ Klar, irgendwann musste es passieren und überraschend war es jetzt auch nicht. Und auch als ich Irgendwann 2017  las, dachte ich mir: Natürlich! Irgendwann wird mal irgendjemand in 2017 sterben müssen. So ist das Leben. Irgendjemand! Aber nicht meine Oma, meine Heldin.

Denn Held*innen sterben nicht.

Sie verlieren mal. Haben oft ausweglose Situationen, aber sterben? Nicht meine Held*innen!

Plötzlich schießt alles durch den Kopf. All das, was unvergessen bleibt: Zum Beispiel ihr Mohnkuchen, der (Ich übertreibe nicht!) beste Kuchen der Welt. So gut, dass er jedes Fest meines Lebens und die Feste meiner Geschwister begleitet hat.

Meine Oma hat SWR 4 erst zu einem Omasender gemacht. Hat mich gelehrt welche Vorteile es hat, alles zu sammeln; man weiß ja nie, wann man es mal braucht. Mit meiner Oma waren lange Autofahrten immer ein Event. Durchfahren gab es nicht! Eine Rast mit mitgebrachter Brotzeit musste schon sein.

All das bleibt. All das und die Gewissheit: Meine Held*innen sterben nie!

Nie erwachsen

Ich muss es wohl zugeben: Genau wie Tabaluga, Peter Pan und Bushido habe ich so meine Problemchen mit dem Erwachsenwerden und -sein. Vor allem, weil ich gerne Unsinnigem nachgehe. Etwas, das keinen Platz hat, wenn ich 6 Uhr morgens zur Arbeit muss, den ganzen Tag im Büro Wichtiges erledige und mich dann, wenn ich wieder nach Hause komme, erstmal über die Anstrengungen der Arbeit aufrege, bis ich fernsehguckend auf dem Wohnzimmersofa einschlafe.

Mein ganz persönlicher Albtraum ist eine Routine aus aufstehen, arbeiten, aufregen, einschlafen. Ein Korsett, in dem kein Platz mehr für lustige, aber rein rational unnötige Projekte ist. Oder einfach mal eine Runde am Computer zocken. Wunderbare Zeitverschwendung.

Und nun musste ich im Gespräch mit einem guten Freund feststellen: Huch, so schnell ist man erwachsen und so schlimm haben wir uns dann doch nicht entwickelt. Ja, es gibt andere Prioritäten. Ja, die Zeit wird nicht mehr so zwanglos verschwendet wie früher. Aber, und das ist einfach gut festzustellen, es ist immer noch genug Zeit für Quatsch da.

Bis jetzt habe ich es geschafft dem Korsett zu entgehen, obwohl ich gestern Die Zeit lesend auf der neuen Gartenlounge auf der Terrasse meines Hauses gesessen habe, während meine Tochter im Garten spielte.

Von Zeit zu Zeit Chaos

Es könnte so einfach sein mit diesen Deadlines, diesen Abgabeterminen, diesen unerwartet auftauchenden Fristen, die ich dann doch immer wieder mit Erstaunen zur Kenntnis nehmen muss. Wie bei diesem Text hier: In paar Minuten soll er online gehen. Und ich? Ich hatte bis gestern noch nicht einmal eine Idee, worüber ich schreibe. Es könnte so einfach sein, denn Alles hat seine Stunde. Für jedes Geschehen unter dem Himmel gibt es eine bestimmte Zeit.“

Also rein theoretisch hätte ich immer genügend Zeit für meine Sachen. Theoretisch hätte ich aber auch das Latinum besser als mit ausreichend bestehen können. Es ist dann doch immer wieder die Praxis, die mir aufzeigt, dass scheinbar alles unter dem Himmel seine Zeit hat, aber die Anzahl der Stunden und wie ich sie nutze dann doch in meiner Verantwortung bleibt.

Denn auch wenn alles eine Stunde hat, so lasse ich mich oft dazu verleiten, die Stunden der Sachen parallel zu legen. So kommt es von Zeit zu Zeit zum Chaos; aber auch das hat seine Zeit.

Absolute Wahnsinnsshow

In den letzten Tagen habe ich immer wieder Fettes Brot mit „An Tagen wie diesen“ auf meinen Ohren. Zum einen, weil es ein ziemlich geniales Lied ist, und zum anderen, weil es meine aktuelle Ratlosigkeit im Hinblick auf die Welt gut in Worte fasst.

Das Lied beschreibt den Alltag von drei Personen, die davon berichten wie Schreckensmeldungen (Erst wird die Nachbarskatze überfahren, anschließend wird die globale Hungersnot thematisiert und in der dritten Strophe geht es um einen Anschlag mit sechs Toten.) immer wieder ihren Alltag streifen. Statt jedoch von den Meldungen berührt zu werden, den Alltag zu unterbrechen und eventuell etwas an ihren Gewohnheiten zu ändern, machen sie einfach im Gewohnten weiter.

Es ist eine Lähmung über die Faszination dieser „absoluten Wahnsinnsshow im Fernsehn und im Radio“, die eben nicht den Alltag unterbricht und die Protagonisten in totaler Überforderung  zurücklässt („Die Fragen bohr’n so gnadenlos, an Tagen wie diesen.“). Es ist ein Hin-und- her-gerissen-Sein zwischen Erschrecken, Alltagsbewältigung und lähmender Überforderung.

Und genau so fühle ich mich in den letzten Tagen, wenn ein Dekret nach dem nächsten, eine hohle Phrase nach der anderen sich gegen eine Welt stellen, die ich, auch aus meiner christlichen Überzeugung heraus, für richtig halte. Doch ich habe keine Lust mich davon lähmen zu lassen.

Es ist mir nicht egal, wenn eine Person Leute systematisch diskriminiert, wenn offensichtlich falsche Informationen verbreitet werden und das eigene Egoglück die Rechtfertigung für alles wird. Aber bei allem, was da passiert, ertappe ich mich immer wieder dabei, wie ich einfach nur ungläubig dastehe und mir denke: „Was ist das denn bitte für eine absolute Wahnsinnsshow?“

Eine Ahnung von dem, was kommt

Zugegeben: Es sind nicht die geschliffensten Worte, die aus dem Mund meiner Tochter kommen. Tiere werden eher durch ihre Laute klassifiziert („brumm, brumm“ für die Biene, „waaaah“ für den Löwen), als mit ihrem Namen angesprochen und der Hunger mit einem einfachen „njam njam“ ausgedrückt. Ja, all das ist noch weit entfernt von rhetorischer Perfektion oder einer verständlichen Umgangssprache. Aber ich verstehe sie.

Es fasziniert mich wie konkret „Mensch werden“ ist, wenn ich dabei zuschaue, wie sie Mensch ist. Jeden Tag etwas Neues dazulernt und etwas mehr von der Welt um sie herum entdeckt.

Aber was mich am allermeisten fasziniert, mich manchmal auch ganz fassungslos zurücklässt, ist der Ausblick auf das, was kommt. In ihrem Gebrabbel höre ich die Reden, die sie mal sprechen wird, und das „Nein, Papa du bist so peinlich.“, was ganz bestimmt kommen wird. Wenn sie Bauklötze aufeinanderstapelt, weiß ich, dass sie auch mal etwas macht, worüber ich staunen werde, was ich selber nicht geschafft habe. All die kleinen Momente, die mir zeigen, dass sie immer mehr wächst und irgendwann auch über mich hinaus.

Und während ich mir das denke, guckt sie mich nur mit großen Augen an und sagt: „Popo.“
Die Freude, dass sich das in Zukunft auch ändern wird.

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Jeden Tag ein neues Törchen. Dieser Beitrag ist Teil unseres Adventkalenders 2016 zum Thema Mensch werden. Alle weiteren Einträge findest du in unserem Archiv unter Adventskalender 2015 oder in unserem Online Adventskalender.