Gut Pfad!

Pfadfindergruß.

Ein Zwölfjähriger hat mir mein Leben erklärt.

Er streckt mir seine linke Hand entgegen. Der Pfadfindergruß.

Mit der linken Hand. Seltsam.

Und die rechte Hand finde ich noch seltsamer und frage nach.

Die drei mittleren Finger ausgestreckt. Daumen und kleiner Finger werden übereinander gelegt.

Alles hat seine Bedeutung und es ist so banal. Und so wichtig zugleich.

Der Daumen liegt über dem kleinen Finger. – Der Große beschützt den Kleinen.

Der erste der mittleren Finger erinnert mich an Gott. – Der zweite an meine Mitmenschen. –  Und der dritte an mich selbst.

So einfach und doch stehe ich wie vom Donner gerührt da.

Wie oft habe ich den dritten Finger vergessen?

Sonnenstrahlkraft

Es ist vier Uhr am Nachmittag, die Sonne hat sich hinter Wolken und Nebel versteckt. Ich bin müde und mache ich mich auf den Weg nach Hause. Eigentlich hätte ich noch Uni – aber die letzte Vorlesung lasse ich sausen. Das ist heute einfach nicht mehr drin…

Mein Auto scheint fast von allein zu fahren. So ist das, wenn man einen Weg wieder und wieder fährt. Die Gewohnheit sitzt am Steuer und lässt einen abstumpfen: für die Umwelt, die andern, das Leben.

Aber das ist mir auch heute ganz recht so – erst mal das Radio aufdrehen. In meinem Auto schotte ich mich ab: vom Nachdenken, von mir, und auch von Gott.

Und dann passiert es plötzlich, auf dem Weg nach unten übersehe ich ein Schlagloch. Ich schrecke auf und schaue mich um… und sehe es. Ich kann es nicht in Worte fassen. Wahre Schönheit: Die Sonne, gerade im Begriff unterzugehen. Das Bild brennt sich mir ein. Ich drehe die Karre um und halte an einer Bushaltestelle. So was habe ich schon lange nicht mehr gesehen: Wie die Sonne hinter Nebelschwaden durchbricht, plötzlich noch einmal alles gibt und mir ihr Leuchten schenkt… wunderbar.

Es ist noch anderen wie mir ergangen. Sieben, acht Leute haben angehalten, sind ausgestiegen. Sie haben ihren Alltag zurückgelassen und stehen jetzt hier. Andächtig sehen wir zu. Eben noch im alten Trott verfangen, schauen wir jetzt einfach nur stumm zu und genießen. Niemand macht Fotos, jedem*r ist klar: Das hier lässt sich nicht einfangen. Nach zwei Minuten ist alles wieder vorbei.

Türen dieser Welt

Es bringt mich aus der Fassung. Wie viele Leute sich dagegen wehren, Flüchtlingen die „Türe aufzumachen“. Wie viele Sätze in dieser Richtung mit „Ich stelle weder die Menschenrechte in Frage, noch bin ich ausländerfeindlich“ beginnen und einem gesprochenen oder hörbar gedachten „…, aber…“ beendet werden.

Gleichzeitig stehen viele Andere für Flüchtlinge ein und auf, versuchen zu argumentieren und zu begründen, warum es gut, gerecht, sinnvoll, gewinnbringend,… ist, fremde Menschen im „eigenen Land“ aufzunehmen.

Was mich dabei immer häufiger zum Nachdenken bringt: Warum braucht es diese vielen verschiedenen Argumentationen? Egal ob religiös motivierte („Jesus war ja auch ein Flüchtling“), oder solche, die besagen, „dass das alles gar nicht so schlimm ist – immerhin kenne man doch bestimmt den und den – und der war ja auch mal Flüchtling und sei doch jetzt ein guter Bürger…“, sie alle rechtfertigen und suchen wortreich nach Begründung.

Warum reicht es denn nicht schlichtweg, dass es einem Menschen schlecht geht, jemand kein Zuhause hat, um sein oder ihr Leben bangen muss?
Warum ist diese himmelschreiende Ungerechtigkeit nicht schon Grund genug?
Ist sie nicht Grund und die Menschen, die nach Schutz suchen, nicht Anlass genug, mir mal wieder zu überlegen, wem diese Welt denn nun gehört?

Es mag naiv klingen, aber reicht das nicht? Reicht das nicht aus, um Menschen zumindest die „Tür“ „meines Landes“ aufzumachen?

Wer hat diese Tür überhaupt gebaut? Gehört die Welt nicht allen, die auf ihr herumlaufen?!

Intensive Zeit

Ufff. Geschafft. Die letzten Bänke sind verräumt, der LKW beladen, alles erledigt, gerade noch rechtzeitig. Die ersten Tropfen fallen auf den Asphalt, Donnergrollen in der Ferne. Erschöpft sitzen wir da, schweigen und sehen zu.

Vor ein paar Tagen kannten wir uns alle noch nicht. Inzwischen habe ich das Gefühl, die Mädels und Jungs, Frauen und Männer neben mir besser zu kennen als manche*n Kommiliton*in nach vier Jahren Studium. Dabei weiß ich weder bei allen so genau, wo sie herkommen, was sie in ihrem Alltag machen, noch ihr Alter, ihren Beziehungsstatus oder sonstige Smalltalk-Inhalte.

Aber: Wir haben zusammen etwas geschafft, etwas geschaffen, das uns verbindet. Miteinander angepackt, geräumt, sind füreinander gerannt, haben geflucht und gelacht. Haben uns auf das Abenteuer eingelassen, Zeit und Raum zu gestalten. Nach unseren Plänen und Vorstellungen.

In mir wächst die Überzeugung, dass es das ist, was zählt: ein Ziel, das mich mit anderen Menschen verbindet, eines, an dem wir arbeiten, das wir angehen, auch wenn wir nicht wissen, was am Ende stehen wird.

Ich weiß nicht, was Gott ist.

Ich weiß nicht, was Gott ist.

Was für viele wie Resignation klingt, ist für mich eine wichtige Erkenntnis.

Denn gerade ich sollte es doch wissen: Theologiestudent. 10. Semester. Fast fertig.

Aber ich weiß es nicht und das ist sehr angenehm. Denn so kann ich mich immer wieder überraschen lassen.

Gott muss sich nicht in mein Bild einordnen, sondern ich kann sein Bild in meine Collage einsortieren.

Wenn ich an Gott denke, denke ich an einen Tanz.

Ich stelle mir vor, dass wir alle wie in einem Amphitheater um die Bühne herum sitzen und den Tanz betrachten.

Und jede*r sieht was anderes.

Mal ein Bein. Mal ein Arm. Mal das Gesicht.

Immer für einen kleinen Augenblick und dann ist es schon wieder weg.

Es bewegt sich. Immer wieder entstehen neue Bilder.

Und obwohl ich dem Tanz mein Leben lang schon zusehe: Weiß ich nicht, was Gott ist.

Denn ich sehe nur das, was sich mir gerade zeigt.

Und auch nur, wenn ich gerade hinschaue; nicht abgelenkt bin.

Ich frage mich, was mein Sitznachbar sieht.

Oder die Person auf der anderen Seite.

Eins habe ich mir vorgenommen: Wenn ich das nächste Mal dasitze und dem Tanz nicht mehr folgen kann, weil ich mir überlege, was die anderen sehen.

Dann steh ich auf.

Gehe rüber und frag nach.