Gegen die Dementoren unserer Zeit

Ich muss etwa neun Jahre alt gewesen sein, als ich mit „Harry Potter und der Gefangene von Askaban“ mein erstes „dickes Buch“ gelesen habe und stolz wie Oskar war, ein genauso dickes Buch wie meine Mama gelesen zu haben.

Bis heute ist der dritte Teil der Harry Potter Reihe mein liebster, steckt er doch voller faszinierender Ideen. Eine dieser Ideen ist das Zauberergefängnis Askaban und der dortigen Wächter, der „Dementoren“. Die Dementoren entziehen ihrer Umwelt alle glücklichen Gefühle, Nähe, Zwischenmenschlichkeit und Liebe. Gezeichnet hat die Autorin Joanne K. Rowling das Auftreten der Dementoren immer verbunden mit Kälte. Dort, wo Dementoren auftauchen, wird es dunkel und kalt. So wird Askaban zum kältesten und abscheulichsten Ort der Zaubererwelt.

In den letzten Tagen habe ich mein persönliches Askaban entdeckt. Ein abscheulicher, kalter Ort, ohne Liebe. Er heißt Facebook.

Ich habe mein Leben lang in das DEUTSCHE Steuersystem eingezahlt. Und nicht in Europäisches oder weltliches. Und diese Sozialleistungen sollen den in Not geratenen deutschen dienen und nicht den Kanaken!“

Mit Sehnsucht erwarte ich den Tag an dem Merkel im Grab vergammelt“

„Schneidet dem Dreckstürken erst die Glocken weg– und dann nach Santa Fu, wo die richtigen Brocken inhaftiert sind. Die brauchen hin und wieder Frischfleisch !!“

Kriminelle Schlepper sitzen nicht nur im Ausland – wie man uns immer vorgaukelt. Kriminielle Schlepper sind die, die das Pack hier anschleppen anstatt sie dahin bringen wo sie herkommen und von “ Schutz der Menschenrechte“ reden“

„Den armen armen Flüchtlingen muss geholfen werden! Ich spende eine Heimreise zurück in ihr Taka-Tuka-Land! Wer macht mit?“

All das sind Kommentare zu verschiedenen Artikeln zur aktuellen politischen Debatte.

Es sind Kommentare nicht nur von „irgendwem“, es sind zum Teil Kommentare von Menschen, die ich persönlich kenne.

Mir geht es, wie es den Zauberer*innen bei Harry Potter nach dem Besuch eines Dementors geht. Mir ist schlecht, mir ist kalt, ich habe Tränen in den Augen.

Was mir in meiner Welt bleibt, ist mein Glaube. Mein Glaube, der in jedem Menschen Gottes Ebenbild sieht, der mich frei von der egoistischen Illusion hält, dass mir irgendein Fleck auf dieser Erde gehören würde und nicht geschenkt wäre, mein Glaube, der jenseits von politischen Debatten und Meinungen Richtschnur und Verpflichtung gibt. Und es ist meine Aufgabe, dass aus meinem Glauben ein lautes „Expecto Patronum“ gegen alle Dementoren unserer Zeit wird.

Beten statt Tun

„Wann sollen wir zum Renovieren kommen? Brauchst Du Hilfe bei den Vorbereitungen? Sollen wir was mitbringen?“ Das waren Fragen, mit der ich eine liebe Freundin unterstützen wollte, die gerade an einem coolen Projekt dran ist (sowas mit Kaffee, Keksen, Gott und Gemeinschaft).

Zurück kam: „Mitbeten ist gerade alles, was ich brauche.“ Ich gebe zu, da hab ich erstmal geschluckt. Und als dann noch jemand schrieb „Ja klar“, und ich erkennen musste, dass ich das war (macht man ja so als gute kirchliche Mitarbeiterin und Theologin), bin ich zusätzlich ganz ordentlich erschrocken. So als „Glauben in der Tat“-Mensch fallen mir die lebenspraktischen Dinge häufig leichter als fromme Worte zu gefalteten Händen. Helfen geht aber grundsätzlich immer und der Impuls hat da wohl gesiegt.

Das Ganze ist es für mich ein riesiger Denkanstoß… Wann hab ich eigentlich mit Gott das letzte Mal gesprochen (abgesehen von so kleinen Stoßgebeten à la „Bitte lass die Ampel grün werden / meinen geflickten Fahrradreifen halten / Das ist ja ein toller Sonnenuntergang – ach guck mal da, ein Vogel…“)?
Nun hab ich also versprochen, für jemanden und deren Herzensangelegenheit zu beten. Irgendwie ist man da ja schon verantwortlich, oder?

Also nicht dafür, dass es klappt, aber dafür, diejenige und ihr Projekt „vor Gott zu bringen“. Jetzt einfach nix machen, geht ja auch nicht – und renovieren ist grade nicht. Also beten. Herausforderung angenommen.

Glaube 2.0. Bitte.

Ich beginne den Tag mit dem Blick aufs Handy. Wecker aus. Wie viel Uhr haben wir? Welche Mails kamen über Nacht? Was sagt mein Armband, wie lange mein Tiefschlaf war? Dann erst aufstehen, duschen, Kaffee.

Beim Frühstück verraten mir ToDo-App und Kalender, was den Tag über so ansteht. Durch die verschiedenen Messenger stehe ich direkt in Kontakt.

So geht es den ganzen Tag. Mein Smartphone ist mein Wegbegleiter. Etwas, das ich nicht missen möchte. Es erspart mir verschiedene Kalender, ToDo-Listen, Telefonate und Wissenslücken.

Nur eine Sache fehlt: das Beten, die Andacht. Nicht, weil ich das nicht möchte, sondern weil es nichts gibt. Durch viele Apps organisiere ich mein Leben, aber mein Glaube bleibt chaotisch, unorganisiert und oft auch unbeachtet.

Ich wäre gern auch mit meinem Glauben digital.

Untertitelbetrachtung

Dreifach Glauben. leben mit glauben – glauben mit leben. Klingt konventionell, unglaublich fetzig, sonntäglich katholisch … eh ja, wie denn jetzt eigentlich?

Als gute Studentin lernt man ja, sich zunächst mal mit den Begriffen auseinanderzusetzen – deshalb hier ein Versuch über unseren Untertitel (liebe Theologen, das LThK hab ich zugelassen , sondern mal ganz schlicht gegoogelt, nehmt es mir nicht übel):

leben: Leben ist der Zustand, den Lebewesen gemeinsam haben und der sie von toter Materie unterscheidet … (wikipedia.de)

Das heißt ja eigentlich, Leben ist das Gegenteil von Tod. Aber was gehört dazu? Aufstehen, lernen, essen, lachen, weinen, reden, Zähneputzen, Sport, kochen, staubsaugen … alles , was ich so den lieben langen Tag tue. So weit, so gut.

glauben: für möglich und wahrscheinlich halten, annehmen; meinen … jemandem, einer Sache vertrauen, sich auf jemanden, etwas verlassen/ vom Glauben erfüllt sein … in seinem Glauben von der Existenz einer Person oder Sache überzeugt sein … (duden.de)

Hier bietet sich eine ganze Reihe von Bedeutungen. Kann ich auch allem erstmal so zustimmen. Glauben ist Vertrauen, oft Gefühl, aber auch Überzeugung.

Und nicht zuletzt steht da noch

mit: drückt Gemeinsamkeit … Wechselseitigkeit bei einer Handlung aus (duden.de)

Klar, es verbindet Dinge miteinander, stärker noch als ein schnödes „und“.

So. Und was habe ich jetzt davon? Zusammen genommen ergäbe es ja so etwas wie: „Alles, was ich den lieben langen Tag tue, hat eine Gemeinsamkeit mit dem, auf das ich vertraue, wovon ich überzeugt bin und was ich fühle.“

Hmm. Vielleicht mit einem Grundsatz, der mir aus der Pfadfinderei vertraut ist: „Als Pfadfinderin sage ich, was ich denke, und tue, was ich sage“. Wovon ich überzeugt bin, schlägt sich in meinem alltäglichen Leben nieder und umgekehrt bleiben die Dinge, auf die ich vertraue, nicht unbeeindruckt von dem, was mich umgibt.

Oder mit Christoph Theobald auf den Punkt gebracht: „Leben und glauben, dass es gut ist zu leben, ist ein und dasselbe.“