Der Kuss unter’m Kreuz

DRANGSAL - "ALLAN ALIGN" (Official Video)

Eine aufgerüttelte Frau sitzt nach einem Rosenkrieg in ihrer Wohnung. Sie betet. Macht sich auf den Weg in die Kirche, trifft dort einen Priester. Alleine. Empfängt das Abendmahl – um schließlich den Priester zu küssen, sich an ihn zu schmiegen. Bei ihm findet sie Ruhe.

Das Musikvideo von „Allan Align“, der neuen Single von Drangsal, provoziert mich. Es spielt, wie in der Popkultur häufig zu finden, mit gängigen Stereotypen über Kirche, die mich stören. Und dann das sexuell aufgeladene Abendmahl – beim Brot ist noch alles normal, doch statt Wein gibt es einen innigen Kuss vom Priester.

Doch ich frage mich: Was genau stört denn daran? Das Video spielt gewollt mit provokanten Szenen. Haben wir in der Bibel nicht Texte, die noch viel provokanter sind – das Hohelied zum Beispiel ist um einiges extremer als dieses Video. Und immer wieder wurde der Text aus dem Alten Testament ausgelegt als Beschreibung der Liebe zwischen Gott und Israel bzw. Gott und Kirche. Die erotische Dimension ist ein (harmloser) alter Hut.

Eigentlich ist es doch schön: Die Kirche als Ort der innigen Begegnung – in einem Pop-Video. Als der Ort, an den man* kommt, wenn das Leben im Chaos versinkt; an dem man* Trost findet in der intensiven Gemeinschaft unter dem Kreuz. Je mehr ich darüber nachdenke – daran kann ich nichts Anstößiges finden. Im Gegenteil.

Feuermomente

Dabei  sein.
Nur nicht trödeln.
Von einer wichtigen Verabredung  zur nächsten.
Immer auf dem Sprung.
„Ich muss aber noch schnell…“

Und dann trotzdem immer irgendwie zu spät kommen.
Nirgens richtig da sein.
Und im Hinterkopf das alte Sprichwort meiner Mutter:
„Du kannst nicht auf jeder Hochzeit tanzen!“
Na und? Ich will es aber versuchen!

So sieht mein Leben in letzter Zeit viel zu oft aus.
Ich hetze von Tür zu Tür und mache all die Sachen die ja soo wichtig sind.
Dann passt mein Leben quasi auf die DinA5 Seite meines Taschenkalenders auf das Display meines Handys.
Und immer öfter liege ich im Bett und stelle mir die Frage:
Heute schon gelebt?

Ich ändere das jetzt.
Leichter gesagt als getan. Aber ich meine es ernst.
Ich lege den Schalter um und versuche mal irgendwo ganz da zu sein.

Angekommen…

Da sein – bei der Tasse Kaffee am Mittag.
Ankommen – beim Abend mit Freund*innen.
Die Zeit vergessen, weil es so viel zu erzählen gibt.
Karten spielen.
Musik hören.
Sich selbst nicht ganz so ernst nehmen.
Der Sonne beim Aufgehen zuschauen.

Die Liste ist lang und könnte noch länger sein.
Es ist meine Liste.
Meine Liste mit Feuermomenten.
Diese Momente will ich brennen lassen, dass es knistert und raucht.

Sie sollen mich wärmen, dass ich auftaue.
Auch wenn mir manchmal der Rauch in die Augen weht.
Auch wenn jede Sekunde der Alltag wieder um die Ecke schaut.

„Du kannst nicht auf jeder Hochzeit tanzen“
Das stimmt.
Deswegen suche ich jetzt den Moment.

Und lasse ihn brennen.

Zeig mir, wie du Nonne wirst!

Während hier in Deutschland das „Dschungelcamp“ gerade wieder Millionen-Quoten einfährt, kündigt ein TV-Sender in Spanien eine Reality-Show an, die man getrost als das komplette Gegenteil bezeichnen könnte: Ordenstracht statt Pimmel-Blitzer,  Enthaltsamkeit statt Sex-Enthüllungen, Gott statt Geld. „Ich will Nonne werden“ heißt das Format, das im spanischen Fernsehen ab Februar ausgestrahlt wird. Fünf junge Frauen sollen dabei begleitet werden, wie sie ihren Weg ins Kloster antreten – ihren Weg, Nonne zu werden.

Die Frauen müssen verschiedene „Stufen“ absolvieren. So arbeiten sie zum Beispiel in einer Kinderkrippe und werden auch in eine Mission in den bolivianischen Dschungel geschickt. Am Ende der mehrteiligen Serie gilt es, sich zu entscheiden: Nonne oder nicht? Nach Angaben des Senders haben vor Beginn der Show alle fünf Frauen vor, ihr Leben Gott zu widmen und in ein Kloster zu gehen.

„In your face“ – Extreme

Offenbar hat das Format eine bestimmte Anziehungskraft – immerhin schafft es die Ankündigung in die Schlagzeilen internationaler Medien. Aber warum? Vielleicht, weil es die Extreme braucht. Auf der einen Seite treibt das Dschungelcamp den Voyeurismus und den Sadismus unserer heutigen Gesellschaft auf die Spitze. Und auf der anderen Seite dokumentiert „Ich will eine Nonne werden“ die totale Abkehr von dieser Gesellschaft. Und vor allem von ihrer Übersexualisierung. Denn ist es nicht das, woran man* als eines der ersten Dinge denkt, wenn man* „Nonne“ hört: Enthaltsamkeit?

Der Sender sagt, mit dem Format wolle man* einen „Einblick in eine unbekannte Welt“ geben. Irgendwie zweideutig: Natürlich hat zum einen der Durchschnittsmensch eher selten mit Nonnen oder Mönchen zu tun hat. Zum anderen ist es aber auch eine unbekannte Werte-Welt, weil sie so ziemlich allem widerspricht, was in der heutigen Gesellschaft (anscheinend) Konsens ist.

Der Gang ins Kloster ist ein Schlag ins Gesicht der säkularen Gesellschaft und dessen, wofür sie steht. Junge Frauen, die den idealen Lebensweg für sich darin sehen, ihr Leben einzig und allein Gott zu widmen und allen weltlichen Dingen zu entsagen. Wie durchgeknallt ist das (nicht nur) aus weltlicher Perspektive! Und vielleicht braucht es Menschen, die ein solches Extrem wählen, um auch uns zum Nachdenken zu bringen. „Ich will Nonne werden“ – ein Ausspruch, der auch mich innehalten lässt. Um mich zu fragen: Was zählt eigentlich in meinem Leben?

Untertitelbetrachtung

Dreifach Glauben. leben mit glauben – glauben mit leben. Klingt konventionell, unglaublich fetzig, sonntäglich katholisch … eh ja, wie denn jetzt eigentlich?

Als gute Studentin lernt man ja, sich zunächst mal mit den Begriffen auseinanderzusetzen – deshalb hier ein Versuch über unseren Untertitel (liebe Theologen, das LThK hab ich zugelassen , sondern mal ganz schlicht gegoogelt, nehmt es mir nicht übel):

leben: Leben ist der Zustand, den Lebewesen gemeinsam haben und der sie von toter Materie unterscheidet … (wikipedia.de)

Das heißt ja eigentlich, Leben ist das Gegenteil von Tod. Aber was gehört dazu? Aufstehen, lernen, essen, lachen, weinen, reden, Zähneputzen, Sport, kochen, staubsaugen … alles , was ich so den lieben langen Tag tue. So weit, so gut.

glauben: für möglich und wahrscheinlich halten, annehmen; meinen … jemandem, einer Sache vertrauen, sich auf jemanden, etwas verlassen/ vom Glauben erfüllt sein … in seinem Glauben von der Existenz einer Person oder Sache überzeugt sein … (duden.de)

Hier bietet sich eine ganze Reihe von Bedeutungen. Kann ich auch allem erstmal so zustimmen. Glauben ist Vertrauen, oft Gefühl, aber auch Überzeugung.

Und nicht zuletzt steht da noch

mit: drückt Gemeinsamkeit … Wechselseitigkeit bei einer Handlung aus (duden.de)

Klar, es verbindet Dinge miteinander, stärker noch als ein schnödes „und“.

So. Und was habe ich jetzt davon? Zusammen genommen ergäbe es ja so etwas wie: „Alles, was ich den lieben langen Tag tue, hat eine Gemeinsamkeit mit dem, auf das ich vertraue, wovon ich überzeugt bin und was ich fühle.“

Hmm. Vielleicht mit einem Grundsatz, der mir aus der Pfadfinderei vertraut ist: „Als Pfadfinderin sage ich, was ich denke, und tue, was ich sage“. Wovon ich überzeugt bin, schlägt sich in meinem alltäglichen Leben nieder und umgekehrt bleiben die Dinge, auf die ich vertraue, nicht unbeeindruckt von dem, was mich umgibt.

Oder mit Christoph Theobald auf den Punkt gebracht: „Leben und glauben, dass es gut ist zu leben, ist ein und dasselbe.“

Das Säuseln

Lautes Böllergeknalle läutete vor 10 Tagen das neue Jahr ein. Der Himmel wurde mit allen möglichen Farben erhellt und viele setzten sich neue Vorsätze. Dieses Jahr kann doch nur besser werden als das letzte. Jetzt endlich starte ich durch.

Ein kollektiver Sinneswandel wurde mit bunten Funken und lauten Böllern eingeleitet. Ab jetzt laufen gehen. Endlich wieder fit sein. Schluss machen mit dem, was eine*n ärgert. Das neue Jahr bietet all diese Möglichkeiten und vor allem eine Begründung sich zu verändern.

Ich gebe zu, ich habe auch meine Vorsätze. Aber wenn ich daran denke, wann sich was in meinem Leben geändert hat, dann war das nur ganz selten durch einen lauten Knall. Eher so Knallerbsen. Kurzes Erschrecken. Lachen. Dann selber welche werfen.

Vielmehr war es immer wieder ein Säuseln.
Etwas ganz Leises. Für keine*n anderen hörbar.

Und egal, wie laut das Feuerwerk an Silvester ist „nach dem Feuer kam ein sanftes, leises Säuseln.“ (1. Kön 19, 12)

Ich mag Feuerwerk.
Aber an meinem Leben ändert das nichts.

Zwei Minuten Mitläuferin

Ich hasse es, mit dem Bus zur Uni zu fahren.

Doch wenn ich es mal wieder nicht rechtzeitig aus dem Bett geschafft habe, bleibt mir nichts anderes übrig. Dann muss ich da durch.

Ich werde Zeugin von Gesprächen, die ich nicht hören will. Ich nehme Gerüche auf, die ich um diese Zeit nicht riechen will. Und ich habe zu Leuten Körperkontakt, deren Namen ich wahrscheinlich nie kennen werde. Unangenehm.

Wenn sich dann die Bustüren an der Uni-Haltestelle öffnen, atme ich auf.

Alle quetschen sich aus dem Bus und gehen los.

Ungefähr 100 Leute auf einmal, die zunächst das gleiche Ziel ansteuern: Den Eingang zur Universität. Und ich mittendrin.

Knapp 150 Meter schwimme ich mit dem Strom. Und ich genieße es. Einfach gehen. Mitgehen. Ich muss nicht nachdenken. Ich folge der Masse.

Eigentlich etwas, was ich nicht gerne mache. Folgen, hinterherrennen, mitlaufen. Doch in den zwei Minuten kommt es mir gerade recht.

So ungern ich mit dem Bus zur Uni fahre, so dankbar bin ich für diese kurze Zeit, in der ich einfach nur folge, ohne mir Gedanken zu machen, wem eigentlich.

Irgendwann sind die zwei Minuten vorbei. Und ich muss, kann und darf ausbrechen, abbiegen, meinen eigenen Weg gehen. Und mir vielleicht Gedanken machen, wem ich sonst so folge.

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Jeden Tag ein neues Törchen. Dieser Beitrag ist Teil unseres Adventkalenders 2015 zum Thema Aufbruch & Abbruch. Alle weiteren Einträge findest du in unserem Archiv unter Adventskalender 2015.

Mich aufbrechen

Aufbruch an jedem Tag im Jahr - nicht nur im Advent.

Aufbrechen.

Mich aufbrechen.

Die eigene Schale aufbrechen. Das Verkrustete.

Mich aufbrechen.

Aufbrechen.

Für mich. Für die anderen.

Aufbrechen.

Zu mir. Zu den anderen.

Denn mit etwas mehr Advent, etwas mehr Aufbruch an jedem Tag, wird mir schnell deutlich, dass ein Jahr mehr als 365 Tage ist.

Mehr als 525.600 Minuten.

Mehr als Sonnenauf- und Sonnenuntergänge.

Mehr als die getrunken Tassen Kaffee oder Tee.

Mehr als die zurückgelegten Meter und Meilen.

Mehr als das geteilte Lachen, die ausgefochtenen Streitigkeiten.

Mit etwas mehr Advent in den 525.600 Minuten wird mir vielleicht klar, dass der, auf dessen Ankunft wir uns in diesen Tagen vorbereiten, schon da ist. Und mich jeden Tag begleitet. Begleitet mit seiner Liebe.

[youtube https://www.youtube.com/watch?v=B_ZOlH71YgA&w=420&h=315]

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Weihnachtsprobleme

Ich habe so meine Probeme mit Weihnachten.

Jetzt nicht direkt mit dem Fest an sich, nicht mit der Nachricht, um die es geht.
Darüber will ich heute aber auch nicht reden – heute bin ich nicht der Theologe, der die Weihnachtsgeschichte auslegt.

Heute frage ich mich einfach: Wie soll ich das denn überstehen?

Frei auf der Arbeit – Keine Vorlesungen. Der schöne Alltag, an den ich mich klammere, verpufft.
Dann geht es auf in die Heimat. Mit Sack und Pack zu Mama und Papa.

Der Weihnachtsbaum ist – wie jedes Jahr- irgendwie schief und kahl, weil „sich irgendjemand zu spät drum gekümmert hat ihn zu besorgen.“
Wer genau dafür zuständig war ist unklar – wie jedes Jahr.
Ich war es nicht. (Zum Glück!)

Die Deko ist mir zu hell, zu viel, zu bunt.
Die Küche ist mir zu klein, zu laut, zu unübersichtlich, wenn alle gleichzeitig mitwirken wollen am Weihnachtsbraten.
Das Wohnzimmer zu vollgestellt, zu Kerzenlicht, zu warm. (Mal ehrlch: 25 Grad?!)

Wir schaffen es irgendwie durch Essen, Bescherung und Weihnachtslieder durch, ohne zu streiten.
Jacke an, die Glocke läutet: Abendmesse.

Weil wir „einen guten Platz brauchen, wo man auch was sieht“ sind wir eine gefühlte Stunde zu früh in der Kirche.

Warum tu ich mir das jedes Jahr an?

Vielleicht, weil es genau darum geht (jaa, ich weiß, der Theologe lässt grüßen).
Weihnachten ist etwas, dass man übersteht.
Wo man über sich und den Dingen einfach mal drüber steht. Groß ist.
Den*die andere*n annimmt – genau wie er*sie ist.
Ich schlucke meinen Ärger über Deko, Famille und Braten runter.

Nach der Messe gibt’s noch ein Glas Sekt.

Und ich habe tatsächlich einen tollen Abend.

Überstanden.

Entscheidest du dich für eine Sache, verpasst du tausend andere.

Ein echtes Luxusproblem. Die Qual der Wahl.

Es beginnt schon mit dem Aufstehen, was ziehe ich heute eigentlich an? Und des geht den ganzen Tag so weiter.

Die Welt ist so voll von Möglichkeiten, aus denen ich auswählen kann. Oder muss ich auswählen. Nein, ich kann. Oder? Nein, ich muss! Ach was. Ich entscheide mich heute dafür, dass ich auswählen darf. Wenn nicht, dann entscheide ich mich halt wieder um. Das Leben zerbricht in tausend Einzelentscheidungen und das Große und Ganze gerät mir aus dem Blick.

Ein echtes Luxusproblem. Die Qual der Wahl.

Neulich hat es jemand auf den Punkt gebracht. Vor uns hängen Listen mit interessanten Workshops, für die wir uns eintragen können. Alle sind irgendwie und auf ihre Weise interessant.

Neben mir höre ich jemanden sagen: „Ich besuche gar keinen Workshop. Entscheidest du dich für eine Sache, verpasst du tausend andere.“ Irgendwie stimmt das ja schon.

Später fällt mir ein: Entscheide ich mich für gar nichts, dann verpasse ich tausend und eine Sache. Rein rechnerisch die schlechtere Lösung. Und von meinem Lebensgefühl her auch.

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