Alex, auf uns!

Es ist Abend geworden, ich schenke mir ein Glas Wein und erfreue mich an dem Berg Wäsche, der darauf wartet von der Leine genommen, zusammengelegt und verstaut zu werden. Ich warte darauf, dass das Telefon schellt – und der ersehnte Anruf bimmelt im Messenger durch: es ist Alex! Vor vielen Jahren während des Studiums lernten wir uns kennen – als zusammengewürfelte Besatzung eines Krankenwagens mit der Mission, einen Schlaganfall-Patienten in der Nähe von Paris abzuholen. Das war 2011. Heute, 2018, fahren wir nicht mehr zusammen Krankenwagen international – aber schaffen es dennoch, obwohl uns viele hundert Kilometer Weg und viele verschiedene Perspektiven und Einstellungen zum Leben trennen, aneinander zu denken, sich zu fragen, was im Leben des anderen abgeht, was ihn bewegt – und bleiben angetrieben von der Sehnsucht, mal wieder ein Bierchen zu trinken und über unsere erste  gemeinsame Krankenwagen-Fahrt zu philosophieren. Dies ist ein phänomenales Gefühl, das eine tiefe Dankbarkeit und besondere Verbundenheit auslöst. Also Alex, nicht die Aussicht auf das Bier! 😉

Die Wäsche blieb dann doch größtenteils liegen, während wir telefonieren. Die Prioritäten verschieben sich. Die Wäsche läuft nicht weg – Alex schon, wenn man nicht aufpasst. Es tut mir gut, sich Zeit zu nehmen. Für Alex, für uns. Und ein Glas Wein, auf uns!

 

Jan Kury

Jan Kury

Jan Kury, lebt und arbeitet als Diplom-Theologe und Rettungsassistent im Südwesten Baden-Württembergs und promoviert zur Frage, wie Menschen in der Notfallrettung lernen, mit dem Tod zu leben.

1 Antwort

  1. Pascal sagt:

    …in der Tat ein phänomenales und berauschendes Gefühl. Die Verbundenheit und die gemeinsame Vergangenheit ist da. Dennoch ist es auch oft der Fall, dass zwar die Vergangenheit, jedoch nicht die gemeinsame Gegenwart vorhanden ist.

    Heißt ‚philosophieren über vergangene Zeiten‘ dann nicht auch gleichzeitig ‚einzelnen Erinnerungen nachhängen ohne dass neue Erlebnisse dazukomnen‘.Einerseits erinnert man sich gerne an das Vergangene, andererseits muss man sich eingestehen, dass man immer nur über eine begrenzte Anzahl an Themen sprechen kann, da sich das Leben schlichtweg in sehr unterschiedliche Richtungen entwickelt hat…

    So mischt sich dem Gefühl der Freude unausweichlich auch ein bitterer Beigeschmack unter…

Und was sagst du dazu?