Samstagabend. Großraumdisko in einer deutschen Kleinstadt. 90er-Party, man wird ja wohl noch feiern dürfen. Es fühlt sich alles ein bisschen nach der guten alten Abizeit an. Zumindest so lange ich mich voll und ganz auf das Bier in meiner Hand und auf meine Freund*innen konzentriere. Irgendwann lasse ich den Blick wandern. Und erschrecke ganz gehörig – so hatte ich das noch nie bewusst erlebt, so noch nie wahrgenommen (manche werden sich zugegebenermaßen berechtigt fragen, in welcher Filterblase ich die letzten Jahre meines Lebens verbracht habe…):

Ein Teil der Gäste steht am Rand, hält sich an einem Drink fest, steckt die Köpfe zusammen, begutachtet und beurteilt das, was von dem anderen Teil auf der Tanzfläche feilgeboten wird: Körperteile, Kleider und Bewegungen. Krass. Wir sind ungefragt im zweiten Teil mitinbegriffen, und ich spüre immer wieder einen Blick im Rücken, auf dem Bauch und anderen Körperteilen. Mit einem Schlag wird mir klar, was mein soziales Umfeld die letzten Jahre wunderbar ausgeblendet hat: es gibt unzählige Menschen, die es für selbstverständlich nehmen, andere Menschen anstarren und wie Gegenstände bewerten zu dürfen.

Mir wird schlecht. Klar weiß ich, dass dieses Phänomen leider nicht in den 50ern ausgestorben ist und dass nicht umsonst in immer mehr Bars und anderen Lokalitäten „Luisa“  Einzug hält. Aber selbst zu spüren, wie beschissen dieses Gefühl ist und wie ich zu was gemacht werde, was ich nicht sein will, ruft zwischen „Everybody“ und „Wonderwall“ in mir die Frage nach der Menschenwürde auf.

Und gleich darauf die nächste erschrockene Frage: Kann ich Verletzungen der Würde erst wirklich Ernst nehmen, begreifen und mich gegen sie einsetzen, wenn ich sie selbst erfahren habe?

Simone Müller

Menschin, Bildungsreferentin der Deutsche Pfadfinderschaft Sankt Georg in der Stadt mit dem schönsten Dom :) --> www.dpsg-speyer.de, gerade noch an der Abschlussarbeit in Theologie in Freiburg. Und auch sonst immer unterwegs, am liebsten in der Natur. Auf der Suche nach Windmomenten, Bildern und Geschichten.

  1. Christiane Ehrlich says:

    Nennen wir es doch zunächst einmal Grenzüberschreitung, dass klingt ein wenig neutraler . Natürlich begegnen uns täglich diese Grenzüberschreitungen in der Bahn, im Bus sie sind absolut alltäglich. Doch warum gibt es diese Grenzüberschreitungen? Studien haben ergeben sie dienen vor allem der eigenen Entlastung, Verhaltensweisen die ich bei mir selber entdecke stören mich in der Regel sind dass nicht meine besten Eigenschaften, ich übertrage die Eigenschaften auf andere Menschen über. In der Bibel ist vom Splitter im Auge des anderen der gesehen wird die rede, dabei wird der Balken im eigenen gerne übersehen. T. Adorno hat dies in den Studien zum autoritären Charakter versucht zu erklären, als er eine Antwort darauf suchte warum die Deutschen Hitler solange stützten, ja wie es zum Massenmord an Juden, Menschen mit Behinderung und anders Denkenden kommen konnte. Die Bewertung und Einordnung anderer ist so alt wie die Menschheit selbst, sie gehört dazu. In Zeiten in denen dieses Verhalten nicht wirklich wichtig ist, bietet sich der Begriff Fahrradfahrer an, nach unten treten und nach oben buckeln. Leider ist die Zeit in der wir leben zu einer wichtigen Zeit geworden. Menschen hüllen das Kreuz in eine schwarz rot goldene Flagge und jubeln im Namen Gottes Nazis zu. Die Vorsitzende der AFD spricht einer Religionsgemeinschaft den Islam die Grundgesetzfähigkeit ab und möchte den Schießbefehl an der Grenze einführen ( im Grundgesetz steht such etwas von der Würde des Menschen,Asylrecht usw. ) aber lassen wir solche Kleinigkeiten sie sind für die Mitglieder der AFD nur unnützes Gerede.
    Wie können Menschen, die sich als Christen verstehen, ein Kreuz in die schwarz rot goldene Flagge hüllen und Nazis zu jubeln ?Eine Antwort hierauf gibt es wohl kaum, ich gabe versucht hierauf eine Antwort zu finden. Auch mir ist die Eigenschaft des projektieren nicht fremd, ich bin Mensch, ich muss im täglichen Miteinander immer sehr aufpassen dass ist ich nicht pojekriere. Gott fordert mich da ganz schön heraus, dafür bin ich Mensch, doch das Bewusstsein, dass ich projektiere ist der erste Schritt dahin mit dieser allzu menschlichen Eigenschaften konstruktiv umzugehen, dies gelingt nicht immer aber doch ab und an.
    Zu in Flaggen gehüllten Kreuze fällt mir eigentlich nichts mehr ein, ich muss mich damit nicht mit den Menschen auseinandersetzen die diese Kreuze tragen, meiner Erfahrung nach erreiche ich sie eh nicht.Das seltsame ist, dass mir genau dies immer vorgeworfen wird, Duuuu redest ja nicht mit uns, ich bin kein Psychotherapeut, ich entscheide wann ich mit wem rede, sollte das menschenverachtende Verhalten seinen Ursprung um Wunsch nach Hilfe haben?
    Schönen Sonntag

  2. Stefan Kuntz says:

    Ich möchte hierzu einen Kommentar abgeben, da ich in meinen jüngeren Jahren das Gleiche erlebt habe wie die Simone. In den Discos habe ich die gleichen Erfahrungen mitgemacht die die Simone erwähnte. Dazu jeden Donnerstag noch Ladys Nights mit Nummernlosen-Gewinnspielen für die Ladys u. einem Freigetränk. Dann jedes Jahr Mr.-Wahlen (Bodybuilding mit Vorführung im Bankdrücken, Kniebeugen u. MuskelPosing zur Musik) u. Mrs.-Wahlen ! Dann die Musikwünsche, die man bei den DJ’s (Discjockeys) anmelden konnte u. diese persönlichen Lieblingslieder dann gespielt wurden !
    Ich war damals schon immer der Meinung, daß egal welcher Hautfarbe oder Rasse oder Land/Region/Staat jmd. abstammt, er sein Talent dann präsentieren darf u. danach soll bewertet werden. „May the best men win“ ! Blödsinn/Vandalismus u. Kriminalität/Verbrechen kann jeder machen, aber auf das Positive/ Erfolge/ Sinnvolle/durch harte Arbeit u. Training wie im Beruf, Privat, Sport, Öffentlichkeit etc. kommt es an ! Also ich habe diese Dinge wie die Simone auch mitgemacht/miterlebt ohne sie wirklich ganz genau so wahrzuhmen wie ich es jetzt in meinem Alter mit 55 Jahren exakt begreife u. mir alles bewußter ist. In der Zeit war ich so jung u. draufgängerisch/intuitiv u. habe nicht alles 3mal überlegt u. darüber nachgedacht wie ich das heute bei vielen in jüngeren Generationen feststelle u. mitansehen muß. Es hat alles seine Vor- u. Nachteile, aber zu lange zu einer Entscheidung zu brauchen ist zweifelhaft u. hat oft 2. versch. Meinungen mit 2 versch. Bedeutungen, wie man sagt mit -gespaltener Zunge- reden !

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