Mit den Augen eines Kindes

„Meinen Hass bekommt ihr nicht.“

Mit diesen Worten überschrieb der Journalist Antoine Leiris ein kleines Büchlein, in dem er seine persönlichen Gedanken und Erinnerungen an die Tage um den 13. November 2015 festgehalten hat. Es ist der Tag, an dem sein erst siebzehn Monate alter Sohn Melvil und er zum letzten Mal seine Mutter / Ehefrau Hélène gesehen haben, bevor sie im Konzertsaal Le Bataclan in Paris ums Leben kam. Wie kommt jemand dazu, dem auf so schmerzliche und brutale Weise die „Liebe seines Lebens“ (S. 59) entrissen worden ist, den Tätern genau diesen Satz entgegen zu schrei(b)en?!

„Meinen Hass bekommt ihr nicht.“

Auch heute noch, ein Jahr nach den schrecklichen Attentaten in Paris, gehen mir Leiris‘ Sätze unter die Haut. Der Terror, der sich für mich immer so weit weg anfühlte, bekommt durch seine Worte plötzlich ein Gesicht, ja sogar eine ganz konkrete Gestalt. Die Angst, die Ungewissheit, die Verzweiflung, die Wut, das Nicht-Verstehen, die Trauer, das Leer-Sein… das alles ist plötzlich unfassbar nah und sehr bedrückend.

Er lässt mich teilhaben an allem, was ihm in den Tagen um den Tod seiner Hélène widerfahren ist. Das Allein-Sein, die missglückenden Versuche seiner Mitmenschen, ihn zu trösten, ihm etwas von seiner Trauer abzunehmen und schließlich: Sein Sohn Melvil.

Er ist der Held dieser unfassbaren Geschichte. Er ist der Motor, der Antoine Leiris am Leben hält, mit dem gemeinsam er seinen Alltag irgendwie bewältigen kann und muss, der dem Vermissen einen Ausdruck gibt, durch den ihre Liebe zu Hélène niemals erlischt. Seine Unbekümmertheit, sein Spiel, seine Leichtigkeit, seine Gewissheit, dass Mama immer bei ihnen sein wird; das alles tröstet und schenkt unglaublich viel Hoffnung.

Das Spiel des Lebens muss weitergehen.

„Meinen Hass bekommt ihr nicht.“

Der Satz öffnet auch mir die Augen. Mit den Augen eines Kindes durch die Welt zu gehen, in Pfützen zu hüpfen, das Leben zu leben; mit jeder Faser meines Körpers meine Freiheit ausschöpfen und mich als Kind Gottes ihm anvertrauen. Das ist Freiheit. Dort wird Frieden. Nein, meinen Hass werdet ihr nie bekommen!

Sebastian Schoofs

Sebastian Schoofs

Studiert in Freiburg Deutsch und Theologie auf Lehramt. Findet vor allem in Musik und Literatur neue Inspiration für seinen Glauben, immer auf der Suche nach Austauschmöglichkeiten mit anderen Menschen.

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1 Antwort

  1. t.s. sagt:

    Dieser Akt zeugt von Stärke, Kraft und menschlicher Reife. Sehr beeindruckend!

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