Vom Wert und vom Nutzen

Ich bin ja von Natur aus ein sehr perfektionistischer und ehrgeiziger Mensch und das in allen Lebenslagen. Das ist toll, denn in der Uni regnet es quasi gute Noten und auch im Ehrenamt, so versichert man es mir ab und an mal, könne man immer auf mich zählen. Alle Dinge, die anstehen, sind bei mir so geplant und strukturiert, dass ich allen Anforderungen gerecht werden kann. Und wenn dann mal wieder ein anstrengender Tag hinter mir liegt, an dem viele Termine eingehalten, viele gute Worte gesprochen und viel auf die Beine gestellt wurde, ja, dann kann ich mich am Abend beruhigt auf der Couch zurücklehnen und mir sagen: Was du heute wieder alles geschafft hast! Du bist wirklich ein wertvoller Mensch!

Heute läuft nur leider alles ganz anders. Ein langer freier Nachmittag liegt vor mir und auch die Aufgaben türmen sich auf meinem Schreibtisch. Nur mein Gehirn, das will heute nicht so recht, meine Motivationsakkus scheinen komplett leer zu sein.

Ich vergeude also den Nachmittag mit kochen, aufräumen, auf dem Sofa und trinke einen Kaffee und einen Tee nach dem anderen. Ich schaue in die Luft, denke nach, mache ein kurzes Nickerchen, aber bei all dem, was ich tue, nagt das schlechte Gewissen in mir.

Wie nutzlos du heute bist, sagt es mir.

Was für eine Zeitverschwendung deiner wertvollen Lebens- und auch Arbeitszeit.

Wie gut hättest du heute das ein oder andere lesen oder zusammenfassen können.

Und was machst du daraus? Nichts!

Ein schrillendes Geräusch reißt mich plötzlich aus meiner Gedankenspirale. Noch etwas verträumt ergreife ich den Telefonhörer. Am anderen Ende der Leitung höre ich die Stimme meiner Mutter. Als ich mich nach dem Grund ihres Anrufs erkundige sagt sie: „Och, ich wollte einfach nur mal kurz deine Stimme hören.“

Sofort wird es mir warm ums Herz, denn was meine Mutter mir in diesem Moment eigentlich sagt ist: Du bist wertvoll und das einfach, weil du du bist.

Als wir aufgelegt haben setze ich mich erneut auf die Couch, lasse mich in die Kissen sinken und denke mir voll Stolz: Heute musstest du einfach mal nur du sein.

Judith Michels

Judith Michels

Theologie und Germanistikstudentin an der Uni Trier, tourt übers Land als leidenschaftliche Sängerin der Band Inspiration, liebt ihren Glauben und hofft mal eine gute Lehrerin zu werden.

4 Antworten

  1. Anonymous sagt:

    Dem kann ich gut nachfühlen.
    Ein weiterer Gedanke macht mich noch nachdenklich: komme ich mit meinem Alleinsein zurecht? Ist es mir vielleicht unangenehm meinen Gedanken ausgeliefert zu sein?

  2. Vera sagt:

    Ein toller Beitrag in dem sich jeder wiederfinden kann und der doch authentisch wirkt! Endlich mal ein Text aus dem sich auch ein in Philosophie und Theologie nicht so bewandert Leser Gedanken und Gefühle zu Eigen machen kann! Weiter so! ☀️

  3. John sagt:

    Ein toller Beitrag, der auch lose von Advent und Weihnachten stehen kann!

  4. Christiane Stavrou sagt:

    Ich war früher auch durch strukturiert alles war verplant. Letztes Jahr wurde ich schwer krank und nichts lässt sich mehr planen . Ich kam mit mir selbst nicht mehr klar. So habe ich Gott um Hilfe gebeten. Er schickte mir einen guten Therapeuten seit dem tue ich viel mehr was mir Freude macht und genieße das Leben. Leider musste ich dafür erst krank werden

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