Sehnsucht nach dem „lieben“ Gott

Alle Jahre wieder überkommt uns ins der Adventszeit dieses wohlige, romantisch-anmutende Gefühl des Beheimatet-Seins: Weihnachtsmärkte öffnen, lichterverzierte Tannenbäume werden aufgerichtet, die Kaufhäuser verwandeln ihre Schaufenster in ein winterliches Treiben, Kerzen brennen, Menschen gehen plötzlich wieder mehr aufeinander zu, kommunizieren miteinander … und warten auf die (heilige) Nacht! Denn – abgesehen von den unzähligen Geschenken, Weihnachtsessen und Familientreffen – war da ja noch die Sache mit dem geborenen Kind, das in der Finsternis eines Stalles das Licht der Welt erblickt und von dem alle sagen, es sei Gottes Sohn.

Wie zu keiner anderen Zeit strömen Menschen an Heilig Abend in die Kirchen, um sich über die Ankunft dieses lieblichen Kindes zu freuen. Oh du fröhliche! Erfüllt der kleine Jesus in der Krippe nicht auch meine Vorstellung und mein Sehnen nach einem lieben Gott? Einem Gott, der mich begleitet, der seine schützende Hand über mich hält und mich (er-)trägt? Das zumindest – so ist mein Gefühl – wollen mir zumindest die meisten Weihnachtspredigten erzählen. Aber wo bleibt die Realität?

Wo bleibt ein Gott, der sich nicht so einfach weichspülen lässt durch die unzähligen romantischen Phrasen unserer Zeit, der zornig und wütend werden kann, der die Welt und das Leben schaffen und es genauso auch wieder entziehen kann, wenn er nur will. Ich frage mich oft, was Gott denkt, wenn er auf unsere so beschauliche Welt blickt: auf die sozialen Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten, auf eine Wirtschaft, die tötet, eine Politik, die Menschen verachtet und Menschen, die die Natur missachten. Das war so nicht geplant. Und ja, auch Gott darf deswegen wütend auf mich sein.

Das Alte Testament zeugt von einem solchen Gott ganz oft. Und ich bin froh darum. Froh darum, dass wir Gott nicht egal sind, dass es Menschen gibt, die eine Ahnung von seiner Emotionalität und Ergriffenheit, von seiner Sorge um unser Wohlergehen, um unser gesellschaftliches Leben, um das Aufrechterhalten von Recht und Gerechtigkeit erfahren haben. Ihr Zeugnis macht mir unmissverständlich klar: Gott will von uns ernst genommen werden. Dafür ist es sich zu nichts zu schade. Nein, ganz im Gegenteil: Er wird Mensch, wird einer von uns, um am eigenen Leib zu erfahren, wie es ist, in dieser Welt zu leben. Seine Botschaft verpflichtet und legt auch mir Verantwortung auf die Schultern.

Sie zu tragen, ist aber keine Last, wenn auch ich Gott ernst nehme und in dem Kind in der Krippe mehr sehe als nur den lieben Gott. Dann erst kann ich wirklich Mensch sein.

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Jeden Tag ein neues Törchen. Dieser Beitrag ist Teil unseres Adventkalenders 2016 zum Thema Mensch werden. Alle weiteren Einträge findest du in unserem Archiv unter Adventskalender 2015 oder in unserem Online Adventskalender.

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2 Gedanken zu “Sehnsucht nach dem „lieben“ Gott”

  • Sebastian Schoofs