Wofür will ich Vorbild sein?

Wann bin ich ein gutes Vorbild? Diese Frage beschäftigt mich, seitdem ich vor drei Jahren Vater geworden bin – und in diesem Jahr ganz besonders. Grund dafür war die MHG-Studie oder wie sie ungeschönter im Ganzen heißt: „Sexueller Missbrauch an Minderjährigen durch katholische Priester, Diakone und männliche Ordensangehörige im Bereich der Deutschen Bischofskonferenz“.

Ich bin zwar kein Beschäftigter der katholischen Kirche, aber heruntergebrochen besteht der größte Teil meiner Arbeit darin, die Kommunikation kirchlicher Institutionen zu verbessern, um eben wieder Menschen zu erreichen. Ich werbe für den Glauben und ich helfe beim Werben für die Kirche.

Die Frage nach der eigenen Vorbildrolle ist für mich die Frage nach der Übernahme von Verantwortung für meine Handlungen. Ich weiß nicht, wie ich diesen Konflikt auflöse. Ich weiß aber, dass ich mit meiner Arbeit in der Gegenwart Zukunft gestalte. Dass ich mit dem, was ich tue, zeige, was ich für richtig halte.

Ich bin sicherlich nicht immer das beste Vorbild, aber ich weiß, dass wenn ich meiner Tochter zeigen will, wie es auch anders geht, ich nicht bei dem bleiben kann, was gerade ist.

You can’t be what you can’t see.


Marian Wright Edelman – Gründerin und Vorsitzende der Children’s Defense Fund

Tage danach

Eigentlich müsste es doch schon längst da sein. Eigentlich müsste es doch schon längst passiert sein. Was genau? Kann ich nicht sagen. Aber manchmal packt mich dieses ungute Gefühl, dass gerade eigentlich etwas anderes dran wäre.

Dass jenes, womit ich gerade beschäftigt bin, nicht das ist, womit ich gerade beschäftigt sein sollte. Ganz ohne Gegenvorschlag. Ohne aufzuhören mit dem, was ich jetzt mache.

Und dann: Tage danach packt es mich. Dann fällt mir etwas ein, was so präzise ist, dass es unmöglich plötzlich in meinen Sinn kommen konnte. Tage danach fällt mir auf, dass ich bereits die ganzen Tage daran gearbeitet habe.

Ab jetzt 100 Sekunden

„Wann hast du das letzte Mal bis 100 gezählt?“ Diese Frage kam mir letztens in den Sinn, als meine kleine Tochter stolz präsentierte, wie weit sie schon zählen konnte. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie utopisch hoch die Zahl 100 damals war. Bis 100 zu zählen war ein heroischer Akt, den irgendwie nur die ganz Großen schon konnten.

Das Verrückte daran ist ja, dass ab dem Moment, in dem es mir möglich war so weit zu zählen, ich es nicht mehr getan habe. Ich erinnere mich nicht daran, wann ich das letzte Mal bis 100 gezählt habe. Und wenn ich jetzt daran denke, dass ich bis 100 zählen sollte, dann sag ich mir: „Kann ich ja.“ und zähle innerlich (mindestens) 100 Gründe auf, warum es jetzt total bescheuert wäre bis 100 zu zählen.

Irgendwie aus einer Laune heraus habe ich es dann aber doch mal angefangen. Einfach so von 100 runtergezählt. Beim ersten Mal war es noch schwierig. Viele Gedanken wollten sich dazwischen drängen. So habe ich auch das ein oder andere Mal den Faden verloren. Doch mit jedem Mal ging es besser.

So gut, dass ich jetzt immer wieder, wenn meine Gedanken kreisen, wenn der Fokus ausbleibt oder es um mich zu viel wird, die Augen schließe und von 100 runterzähle. Einmal die Gedanken resetten und dann von dem entdecken lassen, was da ist.

Schlussstrich ziehen.

Es war nicht so einfach, aber das letzte Jahr habe ich nochmal gelernt Schlussstriche zu ziehen. Manche freiwillig, manche unfreiwillig. Manche unter die Geschichte mit einem Menschen, weil der Tod für einen kurzen Moment über ihr Leben siegte. Manche unter eigene Anforderungen, weil sie mehr lähmten als motivierten.

Manche Schlussstriche unter Sätze, die mir nachgingen. Sätze, die mich lange begleiteten, ohne mir jemals geholfen zu haben. Die mir gerade dann in den Kopf schossen, wenn ich sie am wenigsten brauchte.

Ich habe Schlussstriche gezogen unter Menschen, die Kraft raubten, ohne Halt zu geben. Die immer etwas wollten und ihre eigene Unfähigkeit hinter blumigen Wortgewändern versteckten.

Schlussstriche unter Geschichten, die verletzt haben. Die immer noch verletzen. Wo der Schlussstrich angefangen hat und bis zum Ende des Jahres durchgezogen wird. Ein kleines ToDo bis Weihnachten.

Leben auf Pause

Es sind die kleinen Sätze einer anderen Person, die mir oft helfen etwas, was selbstverständlich scheint, nochmal besser zu begreifen. In diesem Jahr hatte ich einen Workshop mit Krankenpflegeschüler*innen. Das Thema „Nächstenliebe“. Ein Klassiker jeder Katechese und dort eben auch oft folgenlos.

Von 146 Bildern – all die Bilder, die noch in meinem Downloadordner für verschiedene Aufträge waren – sollten sie sich ein Bild aussuchen, das für sie am besten „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“ erklärt.

Kein weiterer Input. Nur die Bilder als Hilfe und die Erzählungen der anderen Schüler*innen als Impuls. Ein Satz ist mir in dieser Arbeit besonders in Erinnerung geblieben. Und wenn ich ihn jemandem erzähle, bekomme ich immer noch Gänsehaut.

„Nächstenliebe bedeutet für mich“, sagte sie, „das eigene Leben für jemand anderen auf Pause zu stellen.“

Bäm. In meinem ganzen Studium ist mir noch keine so präzise Definition von Nächstenliebe begegnet. Weil sie das Bedingungslose aufzeigt, aber die Grenzen, meine Kapazitäten, nicht vernachlässigt.

Auf Pause stellen heißt eben auch, irgendwann wieder Play zu drücken.

Ertrinkende Menschen schweigen

Letztens habe ich im Radio einen Bericht über die Gefahr von Baden in freien Gewässern gehört. Eindrücklich beschrieb darin ein Rettungsschwimmer, dass viele Menschen eben auch deswegen ertrinken, weil die Umstehenden nicht wissen, wie ertrinken aussieht.

Ertrinkende rufen nicht – wie im Film – um Hilfe oder winken wild mit den Armen. Ertrinkende schweigen und gehen unter. Denn Ertrinken ist eine Erschöpfung. Ein nicht mehr Können. Der Kopf ist unter Wasser. Und wenn die Ertrinkenden es schaffen, das Gesicht über das Wasser zu bekommen, dann müssen sie einatmen, um wichtige Sekunden bis zur ersehnten Rettung zu überbrücken.

Ertrinkende hören nicht mehr auf ihren Namen. Sie können sich nicht mehr bemerkbar machen.

Sie ertrinken ohne ein letztes Wort.

Der Mensch hat keine Stimme mehr, kann niemandem seine Geschichten erzählen, kein Wort geht währenddessen über seine Lippen. Der ertrinkende Mensch schweigt solange, bis jemand die Stimme für ihn findet.

Maximal alt.

Letztens habe ich meine Reise für ein Frühstück mit einem alten Bekannten in Köln unterbrochen. Wir unterhielten uns auf der Domtreppe über dies, das und jenes, als er sagte: „Jeder ist eben immer maximal alt!“ Maximal alt ist eine von diesen Weisheiten, die total banal klingen, die aber – wenn ich darüber nachdenke – Welten aufschließen. Maximal alt ist also immer so alt, wie die Person davor noch nie war.

Damit ist natürlich verbunden, dass ich als maximal alte Person auch nie ganz das nachvollziehen kann, was mir Ältere erzählen. Ich weiß, wie es war sechzehn, achtzehn oder einundzwanzig gewesen zu sein. Ich weiß, welche Probleme mich und meine Freund*innen bedrückt haben. Ich weiß auch, wie es mich genervt hat Sätze wie „Ja, das kannst du noch nicht wissen, dafür bist du noch zu jung.“ oder „Das lernst du noch, wenn du mal älter bist.“ gehört zu haben.

Hätte ich die Weisheit von meinem Freund damals schon gewusst, dann hätte ich gesagt: „Zu jung? Ich bin maximal alt! Ich war noch nie älter als im Moment.“ Doch woher hätte ich es wissen sollen? Ich war eben auch nur in der damaligen Zeit maximal alt. Jetzt bin ich es wieder. Und morgen werde ich es auch sein.

Jeden Tag bin ich genauso alt, wie ich sein kann, und damit genauso bereit die Welt zu verändern.

Ich halte dich nicht fest

In dem Moment, in dem ich losgefahren bin, hatte ich schon keine Lust mehr. Vor mir lagen sechs Stunden Autofahrt – drei hin und drei zurück. Es war ein Montagmittag, als ich für eine Besprechung zur Autobahnkirche Baden-Baden aufbrach. Das Treffen klang vielversprechend, das unangefangene Hörbuch (Känguru Offenbarung) machte es erträglich, doch der Regen und das orientierungslose Fahren durch die Pfalz nahmen mir jede Freude. Umso dankbarer war ich, als mich das erste Schild auf die Autobahnkirche hinwies. Da bin ich.

Während der Fahrt und auch schon davor bei der Reiseplanung musste ich immer wieder schmunzeln. Wie verrückt es doch ist: Eine Raststätte als Zielpunkt ins Navi einzugeben. „Was machst du heute so?“ – „Och, ich fahre zu einer Raststätte.“ Ein verrücktes Bild, aber passend zu dem, wie sich die Autobahnkirche Baden-Baden präsentiert: Als Pyramide. Mitte in Baden-Baden. Direkt an der Autobahn. Neben einer kleinen Raststätte, einem Motel und hunderten parkenden LKWs. Eine Pyramide auf einem Sockel.

Drinnen spannt sich ein Zelt auf. Drumherum nur Glasfenster. Jeder Zentimeter ist gesäumt von Symbolen. Nichts hier sagt mir: „So muss es sein.“ Alles sagt mir: „Finde es heraus! Suche! Entdecke!“ Symbole, die auf ein Mehr verweisen – die Richtung vorgeben, nicht die Interpretation liefern. In diesem Raum hätte ich mich verlieren können.

Das Gespräch lief gut und damit auch die Gewissheit, dass ich diesen Ort wohl noch öfter besuchen werde. Zeit für die Rückfahrt.

Es ist schon verrückt eine Raststätte als Reiseziel zu haben, es ist gut zu wissen, dass ich nochmal wiederkomme und es ist beruhigend, dass dieser Ort einfach da ist. Mich nicht festhalten möchte, von mir nichts einfordert. Er ist einfach da und ich werde wiederkommen. Freiwillig.

Aufstehn

Seeed - Aufstehn (official Video)

Die Sonnenstrahlen brechen durch die Rollos deines Zimmers.
Du erkennst sie blinzelnd. Stechen in deinem Kopf.
Den Geschmack der letzten Nacht auf der Zunge.

Dein Wecker beginnt den Tag. Unnachgiebig piepst er. Will, dass du ihn drückst.
Du tust es. Aber nicht so zärtlich. Eher so genervt. Eher so mit voller Kraft.
Mit deinem alten Wecker wäre es gegangen, aber deinem Handywecker ist es egal, ob du draufhaust.
Du drehst dich zur Seite, entsperrst den Wecker. Kein Snooze.

Du solltest endlich aufstehen. Die Rollos hochziehen. Dich bereit machen.
Kopfschmerzen vergessen und in den Tag starten.

Die Welt wartet auf dich.
Es könnte der beste Tag deines Lebens werden.